4. Heimgehen

 

Nein, ich will noch hier bleiben!
(Das Kind will nicht heimgehen)

 

An einem sonnigen Nachmittag auf einem Kinderspielplatz…

“Ich zähle bis 10! Dann kommst du da runter und wir gehen!” kreischt eine Mama, welche ihr Kind mit diesen Worten zum Gehen bewegen will. “Zähl lieber bis hundert.” denke ich still vor mich hin.

“Wenn du nicht sofort herkommst, dann kriegst du nachher eben kein Eis!” sagt ein Papa mit grimmiger Miene zu seiner zuckersüßen Tochter. “Voll gemein!” flutscht es aus mir heraus. Der Papa schaut mich verwirrt an, schüttelt den Kopf und geht.

“Komm jetzt endlich oder willst du mich traurig machen?” sagt eine Mama mit leidendem Gesicht zu ihrem Sohn. Ich schaue hoch (sitze gerade am Boden, weil mein Sohn meine Füße im Sand eingräbt) und sage “Ich denke, er will nur spielen.”

 

Unverhofft kommt oft

(Mein Kind will nicht heimgehen)

Einen Tag später sitze ich vollkommen verzweifelt am Beckenrand des Thermenschwimmbeckens. In diesem Moment bin ICH stark versucht, bis zehn zu zählen oder eine fiese Erpressung auszusprechen.

Denn ich fühle zunehmend hilfloser.

Mein Sohn liebt schwimmen. Wenn es nach ihm ginge, könnte er den ganzen Tag und am liebsten auch noch die ganze Nacht im Wasser bleiben. Mein Mann läuft inzwischen neben dem Becken auf und ab, er ist sichtlich genervt. Das liegt daran, dass wir schon vor einer halben Stunde heimfahren wollten. “Komm endlich da raus!” ruft er gereizt unserem Sohn zu. Zuhause wollte er so dringend einige Akten durchsehen. Ich verstehe ihn.

In der letzten halben Stunde beschäftigte ich mich mit Möglichkeiten, wie mein Sohn und ich länger bleiben könnten. Doch weder Bus noch ein Verwandter konnten uns anschließend heimbringen. Auf meine flehende Frage, “Wie lange willst du denn noch im Wasser bleiben?“, antwortet er mit: “Ich komm da nie wieder raus!” Das klingt nicht so gut. Auch meinen Sohn kann ich so gut verstehen.

“Wir können ja nächste Woche wieder her kommen, was hältst du davon?”

“Nein, ich will aber JETZT schwimmen!”

“Ja, ich weiß, du schwimmst so gerne! Papa will jetzt heimfahren. Bitte kannst du rauskommen?

“NEIN!”

Auch auf diverse andere Vorschläge antwortet er mit einem fetten “NEIN!

 

Hilflosigkeit wirkt

Ich merke, wie sich meine Hilflosigkeit in mir verdoppelt. Am liebsten würde ich einfach gehen. Und den fiesen Spruch: “Dann geh ich eben ohne dich. Tschüss!” ablassen. Nach einem tiefen Atemzug weiß ich.

Nein, ich werde meinem Kind auf keinen Fall Angst machen, nur damit ich mein Ziel erreiche.

Auf Unterstützung von meinem Mann kann ich im Moment nicht hoffen. Denn, ich kann seine Anspannung förmlich wachsen sehen. “Was würdest du noch gerne machen, bevor wir gehen?” frage ich hoffnungsvoll meine kleine Wasserratte. “Mama, ich will NICHT gehen!” Der winzige Hoffnungsschimmer verpufft in der schwülen Hallenbadluft.

Jede Faser meines Körpers will meine Macht ausnutzen und meinem Kind sagen: “Wenn du jetzt nicht rauskommst, dann darfst du heute nicht mehr fernsehen. In diesem Moment umarme ich mich selbst. Mich und meine fiesen Gedanken nehme ich wohlwollend an, um mir dann echte Empathie schenken zu können.

Es ist ok, du bist ok. Du fühlst dich gerade so machtlos – vollkommen fremdbestimmt. Du sehnst dich nach Selbstbestimmung.” Ich atme, die unerträgliche Enge in meinem Brustkorb löst sich ein Stück weit.

Ich sorge gut für mich

Ich schenke mir eine Meditation voller Selbstumarmungen und Selbstannahme.

Ich mache mich leer

Ich nehme meine Uhr ab und steige ins Becken. Folgendes lasse ich am Beckenrand zurück:

  •  Alle meine negativen Gedanken über das Verhalten meines Kindes.
  • Meine ganzen Erwartungen an ihn.
  • Meine ausgedachten Katastrophen-Szenen (Die Therme schließt, doch mein Sohn weigert sich zu gehen und sitzt stattdessen schreiend im Becken).

Paddelnd (und leer), bewege ich mich auf meinen Sohn zu, welcher seinem Dinosaurier gerade das Tauchen beibringt.

“Na, wie lange kann der Dino die Luft anhalten?” frage ich ihn neugierig.

“10 Stunden. Schau mal, er frisst gerade Algen!” erzählt er mir begeistert.

“Du findest es voll blöd, dass Papa und ich schon fahren wollen, weil du so gerne noch hierbleiben magst.” stelle ich fest.

“Ja!” sagt er und schaut mir dabei kurz in die Augen.

Mir fällt gerade auf, dass wir in der letzten halben Stunde keinerlei Blickkontakt und somit auch null Verbindung hatten.

 

Stille

Eine Weile sage ich gar nichts (weil mir absolut nichts einfällt). Dann merke ich, wie sich mein Körper, wie von selbst, entspannt. Meine ganze Aufmerksamkeit lege ich auf die Betrachtung meines Sohnes. All der Lärm um uns verstummt. Ich bin mit all meinen Sinnen völlig im Moment. Mein Sohn spielt weiterhin mit seinem Dino und sucht gleichzeitig zaghaft meine Nähe.

Jetzt erst, kann ich mein Kind wirklich sehen. Keiner von uns sagt auch nur ein Wort. Zögerlich sieht er mir wieder in die Augen. Mir ist so, als könnte ich mein Herz pochen hören, so still war es (für mich). Sein Blick ist so unschuldig und zerbrechlich. Er ist so unschuldig und zerbrechlich. Ich denke still:

 

“Sei dir sicher, ich werde dir mit meinen Worten nicht weh tun.”

 

Ich atme tief in ein, eine Träne kullert mir über die Wange, als ich ausatme. In diesem Moment setzt er seinen T-Rex auf meinen Kopf und sagt: “Mama, der Dino ist jetzt am Aussichtsturm.” Ich lache und entgege ihm: “Jetzt kann er bestimmt alles überblicken.” So, wie ich.

“Lass uns eine gemeinsame Lösung finden!” 

sage ich leise zu ihm. Diese Frage stelle ich ihm, seit er 3 Jahre alt ist. Er ist also sehr geübt im “Lösungen finden”.

Ich will noch 100 Mal rutschen.

Puh, das ist viel. Dazu sei gesagt, dass das hier keine Pipifax-Rutsche steht, sondern eine Richtige. Mit geschätzten 60 Stufen, also insgesamt 6.000, welche auch ich steigen müsste, weil er die Rutsche nur mit Begleitung nutzen darf. Kurz denke ich darüber nach, ob mein Mann vielleicht … Lasse den Gedanken aber dann doch wieder fallen.

“100 Mal ist mir zu viel.”

antworte ich ehrlich. Inzwischen hat mein Kind beide Arme um meinen Hals geschlungen. Wir sehen uns an, ein Lächeln huscht über sein Gesicht. “10 Mal?” verhandelt er weiter. Ich halte einen Moment inne. “600 Stufen … Will ich ihm das wirklich schenken?”. Mein Herz schaltet sich ein –  binnen Sekunden sagt es: “Ja!”

Ich halte nach meinem Liebsten Ausschau, denn ich will ihm die gute Nachricht überbringen. Doch der hat es sich bereits auf einer Liege gemütlich gemacht und schlürft einen Cocktail. Dabei checkt er seine Dokumente, dank Thermen-WLAN und Smart-Phone, jetzt online. Sein Problem ist also bereits gelöst.

“Wie wäre es mit 15 Mal rutschen und einem Eis?” sage ich glückselig zu meinem Süßen”.

 

Alles Liebe

Andrea Schiefer

Portraitfoto Holger Hagen

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